Waldbaden und Wissenschaft: passives und aktives Wohlfühlen nach Miyazaki
Diese Woche habe ich Yoshifumi Miyazakis Buch „Shinrin Yoku – Heilsames Waldbaden" zu Ende gelesen. Eine Stelle auf Seite 38 hat mich nicht mehr losgelassen. Sie ordnet zwei Dinge, die im Alltag dauernd ineinanderlaufen: das Wegnehmen von Unangenehmem und das Suchen von etwas, das die Sinne nährt.
Wo Wohlsein anfängt
1961 hat die WHO unseren Lebensstil in vier Schichten unterteilt: Wohlgefühl, Leistungsfähigkeit, Gesundheit, Sicherheit. Der japanische Forscher Masao Inui hat die oberste Schicht weiter aufgeteilt: passives und aktives Wohlfühlen. Miyazaki greift diese Trennung auf, weil sie erklärt, was im Wald passiert.
Passives Wohlfühlen: Unwohlsein verschwindet
Passives Wohlfühlen meint die Befriedigung von Grundbedürfnissen. Im Winter friert es dich, du heizt. Die Luft ist stickig, du öffnest das Fenster. Beseitigung von etwas, das stört.
Diese Ebene ist messbar. 21 Grad Raumtemperatur empfinden die meisten als angenehm. 30 Grad fast niemand. Die individuellen Unterschiede sind klein, weil Grundbedürfnisse menschliche Konstanten sind.
Vor 50 Jahren standen genau diese Themen im Vordergrund: Smog, kalte Wohnungen, schlechte Wasserqualität. Die Gesellschaft hat sich vor allem um passives Wohlfühlen gekümmert.
Aktives Wohlfühlen: die Sinne werden gefüttert
Ab den 1990ern verschiebt sich der Fokus. In Japan, Deutschland und vergleichbaren Ländern sind die Grundbedürfnisse weitgehend gedeckt. Jetzt fragen Menschen nach etwas anderem: nach Reizen, die nicht überlebensnotwendig sind, aber den Körper trotzdem in einen anderen Zustand bringen. Sonnenlicht durch Buchenblätter. Erde nach Regen. Wind in Kiefern.
Du wirst nicht krank, wenn du eine Woche keinen Wald siehst. Aber etwas fehlt.
Aktives Wohlfühlen ist subjektiv. Was mir guttut, muss dir nichts geben. Manche atmen am Wasser auf, andere am Hang. Diese Streuung ist kein Defizit der Methode. Sie ist ihre Bauweise.
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Was die Forschung dazu sagt
Miyazaki forscht seit 1990. In einer Studie aus 2007 untersuchten Park, Tsunetsugu, Miyazaki und Kollegen 280 Probanden in 24 japanischen Wäldern. Gemessen wurden Cortisol im Speichel, Blutdruck, Puls und Herzfrequenzvariabilität. Cortisol sank, der Blutdruck ging zurück, der Parasympathikus (der Ruhenerv) wurde aktiver. Die Effekte hielten Tage an.
Eine Beobachtung aus diesen Untersuchungen ist wichtig: Die Wirkung trat nur ein, wenn die Probanden den jeweiligen Wald als angenehm empfanden. Wer den Ort als unangenehm wahrnahm, hatte deutlich geringere Effekte. Genau Inuis Punkt. Es gibt nicht den einen richtigen Wald. Es gibt deinen.
Wozu die Unterscheidung im Alltag taugt
Müde, gereizt, unkonzentriert. Frag dich, was fehlt.
Fehlt passives Wohlfühlen, hilft eine Stunde mehr Schlaf, warmes Essen, das Fenster zu, wenn dir kalt ist. Planbar, dichtbar.
Fehlt aktives Wohlfühlen, hilft das alles nicht. Was fehlt, sind Sinnesreize, für die der Körper über Jahrtausende gebaut ist: Licht durch Blätter, unregelmäßige Geräusche, Gerüche aus Erde und Harz, unebener Boden unter den Füßen.
Ein Stadtleben deckt die erste Ebene zuverlässig. Auf der zweiten gibt es Lücken.
Was eine Session sichtbar macht
In den offenen Gruppen im Westlichen Düppeler Forst und im Grunewald sinken nach gut einer halben Stunde die Schultern. Der Atem wird länger. Der Blick weicher. Niemand musste vorher frieren oder hungern. Das passive Wohlfühlen war in Ordnung. Die zweite Ebene war es nicht.
Weil sie persönlich ist, sieht jede Session anders aus. Eine bleibt am Bach stehen. Ein anderer legt die Hand an die Rinde einer alten Kiefer. Eine dritte legt sich auf den Waldboden und schaut nach oben. Keine richtige Reihenfolge. Nur der eigene Sinneskanal, der gerade ansprechbar ist.
Eine Übung für diese Woche
20 Minuten draußen. Park reicht, Hinterhof mit einem Baum reicht. Eine Frage: Welcher der fünf Sinne ist gerade besonders ansprechbar, und welcher Reiz tut mir gut? Die Antwort gehört dir. Damit findest du heraus, was für dich aktives Wohlfühlen ist.
Quelle: Yoshifumi Miyazaki, „Shinrin Yoku – Heilsames Waldbaden. Die japanische Therapie für innere Ruhe, erholsamen Schlaf und ein starkes Immunsystem". Irisiana Verlag, München 2018. Konzept passiv/aktiv nach Masao Inui (S. 38). Studie: Park, Tsunetsugu, Kasetani, Kagawa, Miyazaki: „The physiological effects of Shinrin-yoku", Environmental Health and Preventive Medicine, 2010. Center for Environment, Health and Field Sciences, Universität Chiba.